herbstimpression

zwischen den braunen blättern 
an der astgabelung hängt
ein haufen von offenen dunklen fruchtbechern –
und aus der einen zerzausten buchecker
guckt noch ganz frech
das längliche helle nüsschen heraus





*** (haiku)

mit kälte und frost
nähert sich jetzt der winter…
so früh schon finster!

 


***

der dunkle teich ist nun leer
wo sind sie hingeflogen –
die grauen wildgänse?

 



herbststurm

das lose blatt im wind
wirbelt in der luft hin und her,
traut sich nicht, zu fallen,
dabei ist es nicht schwer,

doch ist der weg auf den boden
zu den anderen blättern
in weicher landung 
vorherbestimmt –

was also fürchten?

  



gestern

am nachmittag
habe ich mich
verloren

zwischen den buchdeckeln
auf den vielen seiten,
bedruckt mit lettern,

die bilder dazu
gab es nur
in der phantasie,

dort habe ich mich
am abend
wieder gefunden





kaleidoskop mit flüssigkeitskammer

ein rundes guckloch,
im rohr verborgen
der länge nach spiegel
und am ende
dreht sich langsam
die bunte welt
in wunderschöne muster –
faszinierende entspannung
vom alltag






*** (herbst-haiku)

die hohe mauer
überrankt der wilde wein jetzt
mit blättern in rot





blick aus dem zugfenster

zwischen den baumgruppen
am ende der weiten felder
dunkel aufragend
die silhouette
eines spitzen kirchturms –
ob gott dort wohnt?





guillaume dufay

mittelalterliche
zahlenmystik
verschränkt
im geistlichen
musikalischen satz –
wie tiefgründig
die worte
nun erscheinen








stillleben

abgestellt
unter dem gummibaum
am fenster
steht wie vergessen
auf dem holzboden
ein korb
voller reifer gelber quitten,
wartend
auf das werden
zu marmelade








gerhard richter in berlin

die vielen farbigen plättchen,
per zufall angeordnet,
bilden große bunte quadrate
an der weißen wand,
beeindruckend
für das auge
des neugierigen betrachters

  







***

unter dem breiten weißen
horizontalen wolkenband
zerschneiden
die sich drehenden rotorblätter
der hochaufragenden windräder
den streifen des leuchtendblauen himmels
über dem dunkelgrünen baumkronenrand
in einzelteile




abendstille

für heute ruht die hektik
des tages
ich liege im dunklen
und warte auf den schlaf,
denn was morgen kommen möchte,
ist erst danach dran

 



die wespe

trunken von den rotweinspuren,
die sie so genossen hat
an der flasche,
torkelt sie nun weiter
im wind




***

der unerfreuliche 
alltag hat sich wieder
eingefädelt –
über den staubflocken
auf dem parkett
fliegen die erregten worte
hin und her
und prallen in der ecke an die wand,
zerredet und auseinandergebrochen
in scharfkantige scherben
liegen sie nun da
kränkung will sie aufkehren
und die reste aufbewahren,
vergebung lässt sie liegen 
und steigt mutig darüber




vor der weißen mauer

ein hochgewachsener ausladender busch
mit langen dornigen ästen,
zwischen den dunkelgrünen blättern
leuchten inseln in
herbstlichem rot-orange:
die feuerdornbeeren





*** (haiku)

der essigbaum trägt
schon leuchtendrote blätter –
das zeichen für herbst!





***

auf dem grauen fußabstreifer
neben der tür
stehen die dunkelroten halbschuhe
und gähnen

 



***

dicken vogelnestern gleich
hängen die grünen misteln
hoch an den schütteren birkenzweigen -
nur fliegen keine vögel
ein und aus




jan toroop: portrait von m. j. de lange (1900)

vor dem üppigen bunten blumenstillleben
auf dem tisch in der ecke
mutet die blasse, zarte frau,
ein dickes und großes buch lesend,
im digitalen zeitalter
fast archaisch an




herbst-morgenstimmung (für c. s.)

frühe autofahrt zur kirche:
neben der menschenleeren straße
schläft unten eine dicke schicht nebel,
weiß und nass,
still über dem see
zwischen den dunklen bäumen,
und droben am himmel
hängen die noch ungekämmten
wolkenhaare
wirr in der roten sonne




am balkongitter

silbern
schimmern die spinnwebfäden
in der sonne,
zart bewegt
vom wind




fresken

in der niedrigen kirche
mit den goldenen kuppeln
schauen die engel
und die gottesmutter
uns von oben ganz aus der nähe an





nacht-haiku

heute wacht der mond,
hell, voll, groß und rund, allein
zwischen den wolken



franz von stuck: der teufel

vor blau-schwarzem hintergrund
gebeugt sitzt er abwartend da
das kinn auf die linke hand gestützt
und schaut den betrachter herausfordernd an
mit durchdringendem blick
aus leuchtend schwefelgelben augen




frage 

fasching   -   fastenzeit
für wen ist diese zäsur 
wirklich relevant?





oberflächliche gesellschaft

heute noch lustig bunte
verkleidungen,
konfetti, lärm und
faschingskrapfen in
allen variationen -
doch morgen ist's vorbei:
da beginnt die große fastenzeit

tatsächlich?
nimmt sie jemand noch ernst
und konzentriert sich still
im allem
dann mehr auf's wesentliche?





februar, und bald …

bisher blühen sie nicht richtig –
aber sie spitzen bereits hervor:
die schneeglöckchen, krokusse und winterlinge

und in der luft liegt
vorsichtiges vogelgezwitscher

wie sehr sehnen sich alle nach wärme!






frühlingsanfang im garten (haiku)

noch so viel kahl, doch
die hamamelisblüten
leuchten schon gelb-rot





*** (haiku)

kräftiger regen,
nach längerer trockenheit,
wäscht plötzlich die luft







winter

draußen
seit tagen nur nebel -
grau, glatt, kalt und ungemütlich,
einfach wenig licht
und innendrin so viel
sehnsucht nach sonne






neujahrsböller

in der stadt
auf den straßen
zwischen den häusern:
erst pfeift's
dann knallt's -
zugleich blitzen
bunte grelle lichtpunkte
am dunklen himmel auf,
sinken hernieder und
verlöschen schnell -
und nochmal das ganze,
und nochmal,
wie lustig!

tiere haben angst
dabei
kriegsflüchtlinge auch

danach - neblige stille und
der müll
bleibt einfach
übrig

welch ein teures
vergnügen!






ende dezember im garten (2 haiku)

sie trotzt atemhauch,
eiseskälte und schneerest:
die christrose blüht!

rosa leuchtet schon
im trüben morgennebel
der winterschneeball





weihnachtstage

am dunklen winterabend
strahlt heimeliges licht
im fenster -
durch die scheibe
verteilt großzügig seine farben
der papier-leuchtstern
und drinnen,
wie von engeln gespielt,
klingt leise musik

wäre es doch überall
so friedlich!





schritte

gestern noch
raschelte
das welke laub
unter den füßen
heute schon
knirscht
der frische schnee




oktober

noch leuchtend gelbe blüten
vor dem dunklen mauerwerk -
geschüttelt vom sturm
reckt sich einsam hoch
die königskerze